Man muss mit allem rechnen. Auch mit dem Guten.
Diesen Satz habe ich neulich gelesen und er hat sich eingeprägt. Denn oft passiert das Gegenteil. Wir erwarten – gerade vor einer neuen Situation – dass es schwierig wird und malen uns alle möglichen Worst Case Szenarien aus. Oder erwarten etwas ganz Bestimmtes.
Das ist evolutionär betrachtet auch eine gute Strategie unseres Gehirns, um uns vor Gefahren oder schlechten Erfahrungen zu bewahren. Denn, wenn wir uns zuvor schon ausgemalt haben, was alles sein könnte, sind wir vermeintlich auf alles vorbereitet. Auch auf die unangenehmen Gefühle, die dabei auftauchen.
Nur dient uns das nicht immer. Denn Erwartungen oder Befürchtungen – hier steckt nicht umsonst auch das Wort Furcht darin – können unseren Blick verengen und uns auch vor guten Erfahrungen "bewahren".

Gestern war ich mit Louie an einem neuen Ort und wollte dort wandern. Und ich hätte ich mir so vieles ausmalen können.
Dass der Wald voller Menschen ist und es Louie viel zu eng wird und er bellt.
Dass uns auf den engen Wegen ständig Hunde begegnen.
Dass überall Zecken lauern.
Dass so viele Wildspuren dort sind, dass Louie völlig überreizt.
Dass er etwas findet, das er nicht hergeben möchte und was ihm nicht gut tut.
Und und und.
Ist das alles realistisch? Ja.
Aber muss es alles genau so kommen? Nein.
In Wirklichkeit sind wir netten Menschen begegnet und konnten mit unserem Ausweichsignal in Ruhe alle vorbeilassen.
Der Weg war wunderschön und wir konnten den Wald genießen.
Natürlich gab es Wildspuren – hallo Herbst 😁
Und Louie – hat das großartig gemeistert, sogar als sich eine Wespe in seiner Rute verfangen hat. Als ich gemerkt habe, dass es ihm langsam an Eindrücken reicht, haben wir eine Pause gemacht und wir sind den gleichen Weg zurück gegangen.
Ich hätte aus lauter Sorge vor all dem, was hätte blöd laufen können, auch zu Hause Gassi gehen können. Auf Basis von Erfahrungen, die wir alle schon gemacht haben und die sich nicht gut angefühlt haben. Aber dann hätten wir diesen wunderschönen Ort verpasst und die Chance auf einen neuen Blick. Denn weder Louie noch ich sind heute die gleichen wie vor einem Jahr. Und wir werden an diesen Ort zurückkehren, immer in Louies Tempo.

Und wenn etwas Unangenehmes passiert, dann ist das okay. Alle Erfahrungen gehören zum Leben dazu.
Wir spüren oft ganz genau, was gerade richtig ist. Wann es Zeit ist weiterzugehen und wann umzukehren. Für mich ist das auch der Kern meiner Arbeit: hinhören, was mein Gegenüber mir zeigt, statt dem zu folgen, was ich erwarte. Bei Louie. Und bei jedem Tier, mit dem ich kommunizieren darf.
Vielleicht dürfen wir öfter auch mit dem Guten, mit dem Best Case Szenario rechnen. 🐾💜


